Das NLP-Land

Unser Newsletter vom 16. März 2015

Mit meinen Teilnehmern in der NLP-Ausbildung erlebe ich regelmäßig eine Situation, die mich verblüfft …

Diese Menschen kommen zum Practitioner, besuchen die Ausbildungswochenenden, nutzen die Übungsgruppe und melden sich im Community-Forum und in der E-Mail-Liste. Es sind wunderbare Menschen, die voller Mut und Leidenschaft ihr Leben anpacken. Ich bin glücklich, mit ihnen mein Zeit zu verbringen, ich lerne mit ihnen und wir erleben zusammen großartige Geschichten.

Dann schließen sie den Practitioner ab – und sind weg. Keine E-Mails mehr, keine Forumseinträge, keine Übungsgruppen. Stille.

Und dann frag ich nach, ganz vorsichtig: »Hallo …? Was ist los, wie geht es Dir …?« – und bekomme die Antwort »Vielen Dank, mir geht’s super, ich arbeite den Practitioner-Stoff nach.«

Und dann bin ich verdutzt. Zum einen finde ich die Formulierung so seltsam (»Ich arbeite den Practitioner-Stoff nach«) und zum anderen wundere ich mich, dass dies dazu führt, dass die Leute weg sind.

Und nach dem Verdutzsein frage ich mich, ob ich eigentlich in meinem NLP-Leben auch mal ›den Practitioner-Stoff nachgearbeitet habe‹? – Ja, das habe ich. Allerdings an einer ganz anderen Stelle meines NLP-Wegs! Und ich frage mich auch, wie ich das damals gemacht habe und ob ich dabei auch ›weg‹ war? – Nein, ganz im Gegenteil.

Und deswegen will ich Dir heute erklären, wie Du ›den NLP-Stoff‹ nach Deiner NLP-Ausbildung ›nacharbeiten‹ kannst, so dass es Dir wirklich etwas bringt. An den Anführungszeichen siehst Du schon, dass ich dazu etwas ausholen muss, weil ich finde, dass bereits die Formulierung des Themas in die falsche Richtung führt.

Die richtige Richtung ist der Weg ins NLP-Land: das ist das Land, wo man NLP spricht!

Nach meiner Meinung ist NLP eine Sprache und die NLP-Ausbildung ein Sprachkurs. Diese Sicht auf das NLP ist eigentlich nicht so ungewöhnlich, schließlich haben Richard Bandler und John Grinder (der ja Linguist ist) ganz am Anfang das auch schon so formuliert. Es ist nur weitgehend vergessen worden – oder es wird zu selten beachtet, was daraus folgt.

In einem Sprachkurs lernst Du Sätze, die jeweils ›nur‹ Beispielsätze einer Sprache sind. In einem Sprachkurs kämst Du nie auf die Idee, dass Du dann später in dem Land ausschließlich und genau mit den im Sprachkurs gelernten Sätzen durchkommst.

Du lernst zum Beispiel ›ich hätte gerne ein Glas Wasser‹ und dann sitzt Du im fremden Land und hast Durst auf Saft! Was nun? – Nun ja: ein Glas Wasser ist zwar nicht ganz genau das, was Du Dir jetzt wünscht, aber immer noch besser, als zu dürsten! Merkwürdig wird die Situation allerdings, wenn Du im Sprachkurs auch noch gelernt hast ›vielen Dank für den leckeren Saft‹ zu sagen. Da könnte man sich dann schon fragen, warum Du die beiden Sätze nicht kombinierst …

Was am Beispiel eines Sprachkurses irgendwie albern wirkt, ist bei vielen NLP-Kursen leider Realität. Da lernen die Leute NLP-Formate (das sind die Beispielsätze), sie lernen sie gut anzuwenden und sie lernen sie vielleicht sogar auswendig. Und für manche Situationen im Leben passen diese Formate auch perfekt. Aber für die meisten Situationen passen sie nur so halbwegs – so wie das Glas Wasser auf den Saft-Durst: besser als nichts!

Eigentlich geht es darum, durch die NLP-Formate der Ausbildung zu lernen, eigene NLP-Sätze (NLP-Formate) zu formulieren. Und das macht man im NLP genau so, wie in jeder anderen Sprache auch: durch Variationen! So wie Du den Glas-Wasser-Satz nimmst und ›Wasser‹ durch ›Saft‹ ersetzt, so kannst Du in NLP-Formaten bestimmte Elemente durch ähnliche Elemente ersetzen und damit eine ähnliche, aber eben doch verschiedene Wirkung erzielen.

Und wie ›arbeitet‹ man nun den ›Practitioner-Stoff‹ nach? Ganz einfach: Wenn jemand einen Spanischkurs belegt und sich nach dem Kurs in sein stilles Kämmerchen zurückzieht und die Kursinhalte wiederholt – wäre es da nicht besser, er würde statt dessen spanische Bücher lesen, spanische Filme gucken, sich mit Spaniern treffen – oder am besten nach Spanien fahren oder nach Südamerika?

NLP lernst Du am besten im NLP-Land! Und da kommst Du ganz einfach hin, denn das NLP-Land ist das Land der Veränderung und NLP ist die Sprache der Veränderung!

Dein Ticket ins NLP-Land ist ganz einfach ein echtes persönliches Thema. Sobald Du ein Thema hast, welches Dir wirklich etwas bedeutet, kannst Du an diesem Thema mit allen NLP-Techniken arbeiten. Dabei wirst Du automatisch alle NLP-Techniken wiederholen – und Du wirst sie variieren müssen, denn sie werden in vielen Fällen nicht genau passen. Wenn Dir Dein Thema allerdings gar nicht so wichtig ist, dann wird es Dich nicht weiter stören, wenn die Techniken nur so halbwegs passen. Aber wenn Dir das Thema wirklich am Herzen liegt, dann wirst Du nicht ruhen, bevor Du die NLP-Sätze richtig formulieren kannst.

Und dann merkst Du auch ganz schnell, dass der Practitioner nur der Anfang ist. Practitioner-NLP-Sprache ist so, also ob Du nur Sätze verwenden könntest, die sich auf die Gegenwart beziehen und auf ganz konkrete Sachen: Einkaufen, Essengehen, der Weg zum Bahnhof. Aber sobald Du auch mal über die Vergangenheit oder die Zukunft reden willst, über Deine Emotionen oder die einer anderen Person oder über die Welt und das Leben an sich, dann brauchst Du Master-Sprache! (Es wäre doch wirklich schade, wenn Dir der entzückende Kellner oder die nette Kellnerin ein Glas Saft bringt und dabei Sätze zu Dir sagt, in denen ihr beide vorkommt, die Zukunft und angenehme Emotionen – und Du kannst nichts darauf sagen!)

Wenn Du Dich also nach der Practitioner-Ausbildung zurückziehst und an einem wichtigen Thema arbeitest, dann kommst Du normalerweise recht schnell an Stellen, wo Du Master-Sprache bräuchtest. Wenn Du trotzdem versuchst, die Sache alleine mit Practitioner-Sprache zu formulieren, dann bist Du wahrscheinlich schnell frustriert und findest, dass NLP gar nicht so toll funktioniert. Schade!

Der NLP-Stoff ist auf Practitioner und Master verteilt und der Practitioner ist halt nur die halbe Sache.

Und der Trainer? – Da geht es dann um die Sprache an sich! Da geht es dann nicht mehr nur darum, was Du sagst, sondern wie Du es sagst! Wenn Du gerne Bücher liest, dann weißt Du, wie wichtig das ist – und wie schade das ist, wenn einer etwas zu sagen hat, es aber nicht vernünftig formulieren kann. Und wenn Du Sprache liebst, dann weißt Du, wie viel Spaß es macht, mit der Sprache zu spielen: Metaphern, Sprachbilder, gelungene Formulierungen, Witze, Ironie, Andeutungen, Flirt, das ganze Spiel mit Form und Inhalt. Auf dieser Stufe geht es dann auch um die Schönheit und Eleganz der NLP-Formulierungen. Und es geht darum, dass man manche Sachen einfach nicht ausschließlich auf der Inhaltsebene formulieren kann, sondern dafür auch die Form nutzen muss. Bei Dichtern und Sprachkünstlern ist das klar, aber es gilt genauso bei der Sprache der Veränderung.

Ich habe den NLP-Practitioner und Master-Stoff ›nachgearbeitet‹, als ich meinen ersten Practitioner gegeben habe. Damals habe ich die NLP-Formate genau studiert, um ihre ›Vokabeln‹ und ihre ›Grammatik‹ zu verstehen – und viele davon knackiger zu formulieren. (›NLP im Smalltalk‹ und ›NLP im Alltag‹ sind zwei Ergebnisse davon.) Und bis heute gehe ich vor jedem Trainingstag die Formate durch und frage mich, welche Bedeutung diese aktuell in meinem Leben haben.

Für mich gibt es keinen ›NLP-Stoff‹ – beziehungsweise: NLP als ›Stoff‹ zu sehen verwandelt die lebendige Sprache in tote Materie. NLP lernt man, indem man es verwendet, in dem man diese Sprache spricht. Und die Sprache der Veränderung spricht man, indem man sich verändert (oder andere bei ihrer Veränderung unterstützt). Das ist das NLP-Land!

Vielleicht unterhalten wir uns demnächst mal auf NLP?

Bis dahin:
Liebe Grüße (auch von Mirela),
Ralf