Der sechste Kondratieff

(Diesen Artikel habe ich erstmals veröffentlicht im Jahre 2000 in der Zeitschrift MultiMind)

Gesundheit und Bildung sind die Themen der nächsten Jahrzehnte. Das Stichwort ist K6 – oder Kondratieff 6, der sechste Kondratieff-Zyklus.

Nikolai Dimitrijewitsch Kondratieff (1892 – 1938) gilt als Begründer der »Theorie der langen Wellen”. Nach dem auf ihn zurückgehenden Modell kommt es alle 30 bis 50 Jahre zu einer Basisinnovation. Bisher waren dies: K1 – Dampfmaschine, Baumwolle; K2 – Stahl, Eisenbahn; K3 – Elektrotechnik, Chemie; K4 – Petrochemie, Automobil; K5 (seit ca. 1970) – Informationstechnik, Computer. Die Theorie der langen Konjunkturwellen beschreibt dabei nicht nur bloße Wirtschaftszyklen, sondern vor allem gesellschaftliche Prozesse.

Kondratieffs Name ist zum Symbol geworden für die Hoffnung und Gewissheit, dass der Bereich psycho-soziale Gesundheit, Heilung von Mensch und Natur, Biotechnologie, Life Sciences zum Leitmotiv des neuen Jahrhunderts wird.

Dabei droht jedem, der heute konkrete Prognosen über die Zukunft des Gesundheitssektors wagt, sich genauso zu blamieren wie die Propheten des Internets vor fünf bis zehn Jahren. Schon vage Vermutungen (wie z.B. in diesem Text) gleichen einem Ritt übers Eis. Dennoch beginnt das Disney-Modell aus gutem Grund mit dem Träumer …

Ein Kennzeichen der Kondratieff-Zyklen ist, dass bereits vorhandene, aber bisher ungenutzte (und unbewusste) Ressourcen plötzlich ins allgemeine Bewusstsein treten und breite Bedeutung erlangen. Im ersten bis vierten Zyklus waren diese Ressourcen (materielle) Energie, seit dem K5 ist es (immaterielle) Information. Dadurch, dass einem System (hier: der Gesellschaft) viele neue Ressourcen zugänglich gemacht werden, kommt es zu exponentiellem Wachstum in bis dahin unerschlossenen Gebieten: anfangs langsam und fast unbemerkt, plötzlich steil und dramatisch …

Im Zeitalter des K6 werden in dem Bereich, den wir zur Zeit wenig attraktiv »Gesundheitswesen« nennen, Dinge entstehen, die wir uns heute nicht vorstellen können. Unser heutiges Gesundheitssystem dürfte bald so wenig elegant erscheinen wie vor einigen Jahren die Deutsche Bundespost/Abt. Fernmeldewesen.

Im Augenblick befinden wir uns am Höhepunkt des K5 (Informationstechnologie, Computer, Internet): Laut Spiegel gibt es in jedem zweiten Haushalt einen Computer, jeder dritte Deutsche hat ein Handy, etwa 15% nutzen mehrmals pro Woche das Internet . Ein Rückblick auf das Werden der Informationsgesellschaft kann helfen, die Anfänge des K6 besser zu verstehen.

Was war das für eine Sensation, als die Bundespost plötzlich zehn verschiedene Fernmeldegeräte angeboten hat: kleine und große, teure und billige, seriöse und verrückte, einfache und multifunktionale ..! Anfangs nur zur Miete; vieles galt als streng verboten, und alles war sehr teuer. Doch nach einer gewissen Zeit hat sich die Telekom als agiler Marktteilnehmer herausgestellt. Vielleicht warten Krankenkassen und Krankenhäuser nur auf ihre Chance …

Gesundheit ist derzeit definiert als Negation von Krankheit. Ein Arzt erlernt im Studium (nach Aussage von Dr. Michael Spitzbart) »30.000 Krankheitsbilder und kein Gesundheitsbild”. Unsere (Schul-)Medizin hat ihre großen Siege errungen im Kampf gegen den Tod. (Und die heroischen Kämpfer wurden zu ehrfurchteinflößenden Halbgöttern in Weiß, von denen einige im Moment Schwierigkeiten haben, sich als Dienstleister zu sehen.) Dieser Medizin ist es gelungen, unsere Lebenszeit deutlich zu verlängern. Doch dieser Prozess lässt sich nicht beliebig fortschreiben, sondern führt sich selbst ad absurdum (wie lange und um welchen Preis soll man ein Leben künstlich verlängern?). In den nächsten Jahren wird es darum gehen, die Lebensqualität zu erhöhen und die Gesundheitszeit zu verlängern. Viagra war erst der Anfang einer Produktion, die sich nicht primär gegen (lebensbedrohliche) Krankheiten richtet, sondern auf einen Gewinn an Lebensqualität abzielen. Die Verkürzung der Lebensarbeitszeit, der Anstieg der Lebenserwartung und der Zuwachs privater Vermögen schafft eine frei verfügbare Zeitspanne, die aktiv, bewusst, sinnvoll und mit Genuss gelebt werden will.

Dadurch entsteht zuerst der Bedarf, Krankheiten zu vermeiden (Prophylaxe). Doch wenn Menschen sich gegen Krankheit einsetzen, wird ihre Motivation immer geringer, je gesünder sie sind: Die Notwendigkeit wird intellektuell verstanden, nicht aber emotional gefühlt. Engagiert man sich aber für Gesundheit (Fitness, Wohlbefinden), dann tut man dies um so motivierter, je gesünder man wird. Weil das Mehr an Gesundheit auch zu einem spürbaren Mehr an Lebensqualität (und Ressourcen) führt …

Wahrscheinlich wird es deshalb eine Veränderung vom gegenwärtigen kurativen, gegen Krankheit gerichteten Ansatz hin zu einem generativen, evolutionären Ansatz für (mehr) Gesundheit geben: Gesundheit lernen, Gesundheit (weiter)entwickeln.

Wer heute mit dem Wunsch zum Arzt geht, seine Gesundheit zu fördern und noch gesünder zu werden, findet den Arzt hilflos. Die Diagnose lautet »ohne Befund”(!), und die Medizin hat dafür (oder dagegen?) kein Mittel. Es liegt daher nahe, dass es zu einer Zusammenarbeit verschiedener Bereiche kommt: des klassischen, (schul)medizinischen Gesundheitswesens (bei ernsthaften Erkrankungen); der alternativen, ganzheitlichen Medizin (hauptsächlich bei Erkrankungen, die weniger lebensbedrohlich als vielmehr die Lebensqualität mindernd sind), der Krankheitsprophylaxe und des Wellness/Fitness-Bereichs zur Erhaltung und Entwicklung der Gesundheit (Ernährung, Bewegung, mentale Strategien, Entspannung und vor allem Genuss und Lebensfreude).

Auf der Grundlage der dadurch vorhandenen Ressourcen (Zeit, Geld, Fitness) ist dann ein wahrer Bildungshunger zu erwarten. (Und der Träumer malt sich fantastische Visionen aus, was entstehen könnte, wenn große Teile der Bevölkerung Zeit haben, fit sind, über freie Mittel verfügen und sich bewusst und gezielt ihrer persönlichen Entwicklung widmen …) NLP kann bei all dem ganz vorne dabei sein.

Viele Aufgaben können auf diesem Weg von Maschinen und Computern übernommen und viele Leistungen über Medien (Bücher, Internet, Handy/ Smartphone) erbracht werden. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass gerade bei der persönlichen und sozialen Gesundheit sehr viel »von Mensch zu Mensch« geschehen wird. Eine Massage von einem Masseur ist einfach schöner als von einem Massageautomaten. Und ein Coaching vom Computer ist nicht das gleiche wie von einem echten Coach. Deshalb werden viele qualifizierte Menschen benötigt und bald in großem Maße fehlen – wahrscheinlich deutlich mehr als heute Programmierer in der Computerwelt. (Leo Nefjodow erwartet in seinem inspirierenden Buch »Der sechste Kondratieff« sogar Vollbeschäftigung für den K6 …) In unserer arbeitsteiligen Gesellschaft ist die Zeit reif für »Gesundheitscoaches”, die sich professionell und umfassend um die Entfaltung des gesundheitlichen Potentials ihrer Klienten kümmern.

Eine der besten Investitionen, die man heute tätigen kann, ist die in Kenntnisse und Fähigkeiten des K6. Verbunden mit Neugierde an dem, was sich hier entwickelt, und wachsender Begeisterung für die persönliche und allgemeine Gesundheit, ist dies ein gutes Rüstzeug, um die Ressourcen des K6 für sich und andere optimal zu nutzen.