Schlauer lesen mit NLP

Unser Newsletter vom 28. Mai 2014

Vor vielen Jahren, in meinem ersten Alphareading-Seminar bei Klaus Marwitz, hat Klaus eine Übung gemacht, die mich bis heute beeindruckt: Er sagte, er hätte einen Experten eingeladen, einen hochkarätigen und hochbezahlten Fachmann (für 1.000 Euro pro Stunde!) – und wir könnten diesen Experten jetzt alles fragen. Und dann nahm er ein Buch und setzte es vor uns auf den Stuhl …

Da guckten wir verdutzt! Und dann meinte er, die meisten Leute würden mit diesem Experten so umgehen: »Na, dann erzählen Sie mal!« – »Was denn?« – »Na alles.« – »Wie alles?« – »Na eben alles, von Anfang an!« – »Ok. Also geboren wurde ich …« (Und das für 1.000 Euro pro Stunde!)

Klaus meinte, das Problem vieler Leser wäre, dass sie ohne drängende Frage an ein Buch herangehen würden und versuchen, alles aus dem Buch herauszulesen. Das ist Unsinn, denn das kann keiner! Das Buch eines Experten ist extrem verdichtetes Wissen, auf 100 Seiten steht die Essenz aus Jahrzehnten, geballtes Wissen und Erfahrung. Wie willst Du das vollständig aufnehmen! Im besten Fall nimmst Du fünf bis zehn Prozent von dem heraus, was da drin steht …

Wenn Du eine drängende Frage hast, dann sind es ehr zehn Prozent – ohne diese Frage deutlich weniger. Wenn es eine wirklich drängende Frage ist, dann kann sich das Buch schon für einen Satz (eine Antwort) lohnen!

Bücher sind Lehrer, Partner, Freunde! Ich bin jedes Mal zutiefst dankbar, was man in Büchern findet, was die Autoren bereit sind zu teilen – für einen normalerweise lächerlichen Preis. Einen guten Seminartag bekommst Du selten unter 200 Euro, eine Stunde Coaching fast nie unter 100 Euro. Ein Buch kostet 10 bis 40 Euro und bietet oft Stoff für Tage und Wochen – wenn Du lesen kannst! Und hier kommt NLP ins Spiel.

Lesen ist natürlich viel mehr, als nur Buchstaben und Worte zu entziffern. Lesen ist ein Dialog zwischen Leser und Autor. Was in dem Buch drinsteht, das bestimmst Du als Leser mit! Ich bin immer wieder erstaunt, was manche Menschen aus Bücher, Texten und Artikeln herausnehmen können. Inke Jochims und Dietmar Friedmann sind mir da große Vorbilder.

Mirela und ich hatten vor kurzem das Glück, Dietmar Friedmann persönlich kennenzulernen. Wir sind sehr dankbar für seine großartige Methode (ILP – Integrierte Lösungsorientierte Psychologie, zu einem guten Teil aus Büchern entwickelt!) und verwenden diese praktisch täglich. Es hat mich gefreut, dass er auch davon gesprochen hat, dass er manchmal etwas in Büchern liest, was da gar nicht drinsteht. Ich kenne dieses ›Problem‹ von mir selbst: Ich habe schon oft ein Buch als Quelle für eine Information angegeben, und als meine Teilnehmer dann das Buch gelesen haben, haben sie sich beschwert, dass diese Info da definitiv nicht drinstand. Huch! Dann hab ich die da wohl hineingelesen.

Wie gesagt: Lesen ist die Zusammenarbeit von Autor und Leser!

Vor einigen Jahren galt es als sehr schick, möglichst viele Bücher zu lesen. Vor allem Erfolgs- und Motivationscoaches rühmten sich, dass sie z. B. 300 Bücher im Jahr lesen würden. Na toll! Und was bringt das? In Deutschland sind über eine Million Bücher lieferbar, jährlich kommen knapp 100.000 neue dazu, die vergriffenen sind antiquarisch erhältlich, die Anzahl der lesenwerten E-Books und Artikel ist unüberschaubar – und wenn Du gut genug Englisch kannst, dann sind die Zahlen für Dich noch viel höher. Macht es bei der Menge wirklich einen Unterschied, ob Du 30, 300 oder 3.000 Bücher liest?

Ich habe früher auch ziemlich viele Bücher gelesen, doch von Jahr zu Jahr werden es weniger. Ich mache es jetzt anders.

Anstatt möglichst viele Bücher zu lesen, suche ich bewusst nach Büchern, die ich mehrmals lesen kann. Manche Bücher begleiten mich schon mein halbes Leben und ich lese sie regelmäßig einmal im Jahr – und jedes Mal ist es ein neues Buch für mich, denn ich bin jedes Mal ein anderer Mensch. Außerdem ist mein Umgang mit Büchern weniger ein Lesen, als vielmehr ein Bearbeiten. Viele Bücher modelliere ich sogar. Mirela nutzt Bücher gerne als Grundlage für energetische Korrekturen und hat gestern einen wunderbaren Abend über ein Buch gegeben, welches sie seit sieben Jahren begleitet.

Wenn Du weißt wie es geht, dann ist ein Buch wie ein Seminar oder ein Coaching! Wie gesagt: Ein Buch ist ein Experte (Freund, Lehrer, Coach, Partner), mit dem Du einen lebendigen Dialog führen kannst!

Ich habe kürzlich von Rolf Dobelli ›Die Kunst des klugen Handelns‹ gelesen. In dem Buch sind 52 Irrwege des Denkens beschrieben, die man besser meidet. Ich habe das Buch zweimal gelesen – einmal zum Vergnügen (es ist locker geschrieben) und beim zweiten Mal habe ich mich bei jedem der 52 Kapitel gefragt, wie ich das was da drin steht nutzen kann – für meine Ziele, für meine Teilnehmer und für mein Institut. Von den 52 Kapiteln konnte ich mit etwa der Hälfte wenig anfangen, aber die andere Hälfte hat sich gelohnt und acht Kapitel waren echte Volltreffer, die mich wirklich weiterbringen. Alles in allem habe ich mit dem Buch vielleicht einen halben Tag verbracht – und dafür 14,90 Euro ausgegeben. Kann man dafür genügend dankbar sein?

Viele Bücher modelliere ich auch – und empfehle meinen Teilnehmern auch, ein Buch als erstes Modellingprojekt zunehmen. Zur Zeit modelliert ein Trainer-Training-Teilnehmer das Focusing-Buch von Eugen Gendlin, dem Begründer des Focusing. Als ich dessen Buch das erste mal gelesen habe, fiel mir auf, dass Eugen Gendlin seine Innenwelt, seinen ›inneren Raum‹, sehr besonders gestaltet hat. Jetzt, da ich das Thema als Modellingprojekt vergeben habe, habe ich das Buch selbst noch einmal gelesen und mir die gut zwanzig Stellen herausgeschrieben, an denen Eugen Gendlin beschreibt (oft zwischen den Zeilen!), wie er seinen inneren Raum nutzt. Faszinierend! Ich behaupte, dass diese innere Raumnutzung ein entscheidender Faktor für erfolgreiches Focusing ist – und womöglich noch nicht einmal Eugen Gendlin selbst bewusst war!

An dieser Stelle muss ich noch einmal an Klaus Marwitz denken und einen anderen Satz von ihm, der mich bis heute begleitet: »Das Tolle am NLP ist, dass mit NLP großartige Sachen funktionieren, die ohne NLP nie funktioniert haben.« Klaus meinte damit die vielen Bücher und Methoden, die toll klingen, wenn man sie liest, die aber dann doch nicht so recht funktionieren. Meistens liegt das einfach daran, dass der Autor ein paar Sachen nicht ins Buch geschrieben hat, die für das Funktionieren essentiell wichtig sind, die ihm aber entweder nicht bewusst waren, oder die er für viel zu selbstverständlich hielt, um sie aufzuschreiben.

Im letzten Trainer-Training haben zwei Teilnehmer je eine Übung aus dem Buch ›The Tools‹ von Phil Stutz und Barry Michels modelliert. In ›The Tools‹ stehen fünf großartige mentale Methoden für persönliche Entwicklung – großes Coaching für 17,99 Euro! Viele Menschen haben das Buch gelesen, waren von den Methoden begeistert – und haben sie nicht angewandt. Warum nicht? Weil im Buch wichtige Voraussetzungen für die Übungen nur zwischen den Zeilen stehen! Deswegen waren die Themen der Modellings, diese (unbewussten? vergessenen?) Voraussetzungen herauszufinden und so zu beschreiben, dass man sie bewusst einsetzen kann. Denn dann klappt’s auch mit den Übungen!

Eines meiner ersten Modellings, die Optimismusstrategie (bis heute eines der wichtigsten Formate im Practitioner), habe ich 1999 aus einem Buch modelliert (›Pessimisten küsst man nicht: Optimismus kann man lernen‹ von Martin Seligmann).

NLP ist für sich schon eine großartige Methode, aber es ist vor allem ein genialer Wirkverstärker für anderen Methoden. NLP wurde ja von Bandler und Grinder entwickelt, um die Essenz der Methoden von Fritz Perls, Virginia Satir, Milton Erickson und Gregory Bateson zu übernehmen – zu modellieren. Robert Dilts, einer der wichtigsten Schüler von Bandler und Grinder, hat später eine ganze Modelling-Buchreihe herausgegeben, ›Strategies of Genius‹, in der er die Kreativitätsstrategien u. a. von Mozart, Einstein, Disney, da Vinci und Aristoteles beschrieben hat. Mit denen hat er natürlich nicht geredet, er hat deren Texte modelliert!

Es geht nicht darum, möglichst viele Bücher zu konsumieren. So wie Du Deine Lehrer, Partner und Coaches bewusst wählst, kannst Du auch Deine Buch-Lehrer, Buch-Partner und Buch-Coaches bewusst wählen. Nimm Dir lieber weniger und dafür bessere, und verbringe mehr Zeit mit diesen! Mit einigen wirst Du dann eine tiefe Beziehung aufbauen und manche von ihnen werden Dir zu lieben Freunden werden.

Lesen ist ein Dialog! »Ein Buch ist wie ein Spiegel: Wenn ein Esel hineinschaut, kannst Du nicht erwarten, dass ein Apostel herausschaut.« Je besser (inspirierter, offener, neugieriger) Du selbst bist, um so besser wird das Buch sein. Und wenn Du beginnst, Bücher zu modellieren, dann öffnet sich Dir eine schier unbegrenzte Welt des Wissens und der Möglichkeiten.

Mirela und ich wünschen Dir alles Gute und senden Dir liebe Grüße!
Ralf