Sechskommafünf

(Diesen Artikel habe ich erstmals veröffentlicht im Jahre 2004 in der Zeitschrift MultiMind)

Wie geht es Ihnen?

Auf einer Skala von 0 bis 10, bei der 0 schlechtmöglichst und 10 bestmöglichst bedeutet: Welche Zahl würden Sie sich geben? Bitte beantworten Sie die Frage »Wie geht es Ihnen?« mit einer Zahl auf dieser Skala – und achten Sie dabei darauf, wie leicht Ihnen die Antwort fällt …

Bitte beantworten Sie dann die Frage: »Was ist 10?”

Zu Beginn meiner Seminare frage ich die Teilnehmer gerne, was sie sich vom Seminar erwarten. Häufige Antworten sind: »Keine Ahnung, bin neugierig. Weiß nicht, mal sehen, einfach Interesse …« Und die gleichen Menschen sagen dann nach dem Seminar: »Ich hatte es mir anders vorgestellt …”, oder: »Es war genau, was ich erwartet hatte …!”

Es gibt Menschen, die kommen aus dem Kino und sagen: »Ich hatte mir den Film besser vorgestellt.« Solche Menschen fragt Richard Bandler: »Warum gehst du überhaupt ins Kino, wenn du in deinem Kopf einen besseren Film machen kannst als Hollywood mit 100 Millionen Dollar?”

Aber so wortwörtlich ist das ja gar nicht gemeint – oder?

Menschen, die nach einem Seminar ganz klar sagen können, daß das Seminar ihre Erwartungen nicht erfüllt oder weit übertroffen hat, müssen vorher eine Erwartung gehabt haben. Ob diese Erwartung bewußt war, ist eine ganz andere Frage. Wahrscheinlich war sie es nicht.

Sich seiner Erwartungen bewußt zu werden, ist nicht einfach – aber es lohnt sich!

Wenn ich Seminarteilnehmer frage, ob sie den Seminarraum schön finden, dann hängt die Antwort sehr davon ab, ob ich den Satz mit »… verglichen mit dem Bahnhofsklo« oder mit »… verglichen mit dem Spiegelsaal in Versailles« fortsetze. Wenn ich den Satz gar nicht fortsetze, hängt die Antwort von den individuell zugrunde gelegten Vergleichsmaßstäben ab. Diese sind meistens unbewußt.

Unbewußte Vergleichsmaßstäbe beeinflussen unsere Wahrnehmung der Welt sehr stark. Diese Maßstäbe entscheiden darüber, ob Ihre Antwort Ja oder Nein ist auf Fragen wie: Geht es Ihnen gut? Sind Sie gesund? Sind Sie wohlhabend? Haben Sie eine glückliche Beziehung? Sind Sie ein guter (schlauer, wertvoller) Mensch …?

Alles in allem gute Gründe, sich der Maßstäbe bewußt zu werden! Nur – wie?

Alle oben genannten Fragen können von den meisten Menschen sehr leicht auf einer Skala von 0 bis 10 beantwortet werden. Ich habe es in vielen Seminaren mit vielen Menschen ausprobiert: Die Antworten (also die Zahlen) kommen schnell und einfach. Häufig werden sogar Zwischenwerte (“3 bis 4”) oder Kommastellen (“6,5″) angegeben. Die 10 Stufen sind wohl nicht exakt genug. Die Leute haben also beispielsweise bei 6 und bei 7 ein ungutes Gefühl: Nein, stimmt nicht! Sie entscheiden sich dann für 6,5 und legen Wert darauf, daß es eben nicht 6,2 und auch nicht 6,6 ist, sondern genau 6,5! Demzufolge muß es irgendeine Instanz in diesem Menschen geben, die zum Beispiel die Frage nach der Gesundheit auf ein Hundertstel genau beantwortet. Eine beeindruckende Leistung! Wenn ich dann weiterfrage, was zum Beispiel 6,0, 5,75 oder 7,0 sei, dann erhalte ich meistens ein wissendes Nicken. Nur auf die Frage, was denn 10 sei, der Absolutwert – da setzt’s aus.

Schade, denn 10 ist der Maßstab!

Bleiben wir bei der Frage nach der Gesundheit. Die meisten Menschen verstehen die zehnstufige Skala so, daß 0 »Nein, absolut nicht gesund« bedeutet und 10 »Ja, absolut gesund”. 5 ist dann »Ja und nein« oder »So lala …”, unter 5 »Eher nein« und über 5 »Mehr oder weniger ja”. Die gleichen Menschen haben selbstverständlich das Ziel, gesund zu sein, ohne Einschränkung, also die 10 zu erreichen. Sie haben dabei nur leider keine Ahnung, wofür diese 10 eigentlich steht …!

“Lernen heißt, einen Unterschied zu machen, wo vorher keiner war.« Dieser Satz von Gregory Bateson hat sich in meiner Arbeit als grundlegend wichtig erwiesen.

Stellt man Menschen die Frage »Was ist 10?”, dann gibt’s meistens keine Antwort. Fragt man, was der Unterschied (!) zwischen 6 und 7 ist, oder der zwischen 6,6 und 6,8, dann kommen überraschend konkrete Antworten. Im nächsten Schritt wird am Regler gedreht und die Skala erforscht: Wie ist 5? 4? 3? Was sind die Unterschiede? Bei den verschiedenen Zahlen stellen sich normalerweise deutlich unterscheidbare Gefühle/Empfindungen ein, gefolgt vom typischen »Das kann ich nicht genau in Worte fassen« bei der Bitte um eine exakte Beschreibung. Natürlich kann man es genau sagen – es ist nur (anfangs) etwas anstrengend … Doch die Mühe lohnt sich!

Kennen Sie einen, der bei 8 (oder bei 2) ist? Woher wissen Sie das? Wie sind diese Menschen? Was sind die Unterschiede (zwischen diesen Menschen und Ihnen)?

Wie ist 0? Ist Null »100 % nicht gesund leben« oder ist »0 = tot”? Und was ist dann 0,1? (Oder 0,01?) Alle diese Fragen lassen sich leichter beantworten als die Frage nach der 10 … doch wir nähern uns! Irgendwann läßt sich dann die 9 beschreiben und die 9,5 … und sogar die 9,9. (Spätestens hier frage ich nach der 15 …!)

Noch bevor die Antwort auf die Zehn kommt, läßt sich feststellen, in welchem Kontext die Skala angesiedelt ist: Sind 0 und 10 die Absolutwerte, bezogen auf diesen einen Menschen? Seine individuell best- und schlechtmöglichste Gesundheit? In welchem Zeitrahmen? (“Zur Zeit« oder »bisher« oder »von Geburt bis Tod”)? Oder sind es Absolutwerte, bezogen auf das, was er kennt und bei anderen erlebt hat? (Oder erlebt zu haben glaubt, z.B. in einer Gesundheits-Seminar-Show?) Oder sollen es die Absolutwerte für Menschen überhaupt sein? Oder theoretisch denkbare, praktisch aber utopische Idealwerte? Manchmal wollen die Leute dann lieber eine »-10 bis +10 Skala« oder eine nach oben offene … Meinetwegen! Hauptsache genau, und Hauptsache, wir nähern uns der Definition des Maßstabs!

Das ganze Spiel nutzt die Illusion (den Glaubenssatz), Zahlen seien etwas ganz Konkretes, Meßbares, Objektives, Klares. Sind sie natürlich nicht – zumindest nicht in diesem Zusammenhang. Aber sie führen dazu, daß die eigenen Werte, Kriterien und Maßstäbe konkreter, meßbarer, objektiver und klarer werden – vielleicht durch eine Art »Collapsing Anchors« der damit verbundenen Vorstellungen. Letztendlich kommt eine wesentlich qualitätsvollere Evidenz der persönlichen Ziele heraus.

Was ist also 10? Häufig unrealistisch! Da kommt bei der Frage nach der Gesundheit beispielsweise heraus, daß Menschen um 4 Uhr aufstehen, meditieren, joggen, einen Heldentag erleben (quietschfidel & leistungsstark), um 1 Uhr nachts ins Bett gehen (hellwach und energievoll …) und dann 6 Stunden schlafen – in der Zeit von 1 bis 4 …! Allein die angestrebten Gesundheits-Aktivitäten ergeben einen 36-Stunden-Tag. Und das soll dann gesund sein, dafür gäbe es dann 10 Punkte. Wenn einer natürlich einen unerreichbaren Wert als Maßstab zugrunde legt, beeinflußt das die Ergebnisse beträchtlich. So richtig gesund ist man dann nie, bzw. erlebt man sich dann nie …

Bei persönlichen Zielen ist es mir wichtig, eine emotional packende, wirklich motivierende Formulierung zu finden. (Wichtiger jedenfalls, als daß das Ziel »wohlgeformt« ist …). Da hat also einer beispielsweise das Ziel »Ich denke ressourcevoll an meine Zukunft”. Das will er erreichen, deswegen kommt er zum Coaching. Und dem Ziel gibt er auf einer »Wie toll ist das Ziel?”-Skala eine 5,3. (Da lohnt es sich doch wirklich, diesem Ziel seine ganze Energie zu widmen …) Ändert man nun einzelne Worte in der Zielformulierung, z.B. ein »über« statt dem »an« oder ein »energievoll« statt dem »ressourcevoll”, dann gibt’s andere Werte: eine 6,0 oder eine 5,2 zum Beispiel. Und warum? Was ist der Unterschied? »Keine Ahnung, ich fühle das.« Wunderbar! Wenn du es fühlst, kannst du es sicher auch gleich klar benennen! (Differenzierung ist mühevoll, lohnt sich aber!)

Wenn man nun im Laufe des Coachings die gefundenen Formulierungen immer wieder auf der Skala bewerten läßt, wie toll oder motivierend oder erstrebenswert sie sind, findet man mehr und mehr Unterschiede, und die Evidenz wird klar.

Bevor ich den Kniff mit der Skala herausbekam, habe ich meine Kunden ganz klassisch nach der Evidenz gefragt: Woher wissen Sie das? Was sehen, hören, fühlen, riechen, schmecken Sie, wenn Sie das Ziel erreicht haben? Sinnesspezifisch, meßbar, attraktiv, realistisch …? Diese Fragen führen auch zu einem Ergebnis, allerdings dauert es länger, und oft kommt ein ziemliches Wischiwaschi dabei heraus.

Zahlen, vor allem solche mit Kommastellen, wirken unglaublich präzise. Diese Ressource kann man nutzen. Die 0,0 bis 10,0-Skala ist mathematisch gesehen genau so präzise wie eine 0-100-Skala ohne Kommastellen. Doch probieren Sie es aus: In der Praxis funktioniert die 0-10-Variante besser. Zehn Schritte überblickt man leichter als 100. Bei 0 – 10 kann man sich leicht und schnell orientieren: zwei Absolutwerte (0 und 10), ein Mittelwert (5) und je 4 Werte in jeder Hälfte (1, 2, 3, 4 und 6, 7, 8, 9). Durch die Null hat die Skala 11 Stellen.

Wenn man diese grobchunkige Orientierung dann verfeinern will, nimmt man einfach Kommastellen. Wenn Leute mit der 0-100-Skala arbeiten, nehmen sie im Kopf dann doch meistens Zehnerpäckchen (10 – 20) und unterteilen diese. De facto also wieder die 0,0 bis 10,0-Skala …

Zu Beginn meiner Seminare bitte ich die Teilnehmer gerne, zuerst ihre Stärken und danach ihre Ziele aufzuschreiben. Schon lange fällt mir dabei auf, daß die Leute dabei ziemlich unglücklich und verkrampft gucken. Wenn sie aber (nur so zum Vergleich …) Schwächen und Probleme aufschreiben sollen, dann entspannen sie sich und lächeln. Meine Theorie zu dieser erstaunlichen Beobachtung: Die Kabel sind vertauscht! Denn anders kann ich mir’s nicht erklären, daß die Frage nach Stärken und Zielen den Zustand verschlechtert, die nach Schwächen und Problemen ihn aber verbessert.

Seit ich die 10er-Skala entdeckt habe, sieht die Übung so aus: Wie geht es Ihnen? (0-10) – Bitte schreiben Sie Ihre Stärken auf. (Was an Ihnen ist einzigartig, wundervoll, beeindruckend, genial, gigantisch, außerordentlich und so gut, daß man sich vor Ihnen auf den Boden werfen und Sie anbeten möchte?) – Wie geht es ihnen? (0-10) – Bitte schreiben Sie Ihre Ziele auf. – Wie geht es Ihnen? (0-10)

Der Effekt der dreimaligen »Wie geht es Ihnen”-Frage ist beeindruckend. Viele Menschen – ungeübt darin, emotionale Veränderungen differenziert wahrzunehmen – schreiben dreimal die gleiche Zahl auf. Man kann sie »aufwecken« mit der Frage, daß also die Beschäftigung mit Stärken und Zielen ihren Zustand nicht beeinflußt – vor allem nicht positiv. Hätten sie nämlich vorher gedacht …

Die anderen – denen keine »vernünftige« Stärken oder Ziele einfallen – schreiben fallende Zahlen auf. Und sind danach hoch motiviert, sich mit dem Thema ressourcevoll auseinanderzusetzen.

Vor der 10er-Skala habe ich die Menschen »einfach so« beobachten lassen, wie die Stärken-und-Ziele-Frage den Zustand beeinflußt. Doch die »Pseudo-Objektivität« der Skala verbessert die Wirkung deutlich.

Wie gesagt: Die meisten Menschen sind ungeübt darin, ihren eigenen Zustand differenziert wahrzunehmen. Ihnen empfehle ich (und übe es oft gleich im Training), sich einen Kurzzeitwecker zu stellen, z.B. auf 45 oder 60 Minuten. Immer wenn es piept, schreiben sie dann auf, wie es ihnen geht (auf einer Skala von 0 bis 10). Und das Ganze tragen sie in eine Tabelle ein.

Merkwürdige Ergebnisse kommen dabei heraus! Menschen, die grundsätzlich sagen würden, daß es ihnen gut geht und sie sich meistens wohl fühlen in ihrem Leben, kommen auf Durchschnittswerte von 3 bis 5! Andere, die eigentlich ständig jammern, entdecken, daß es ihnen sooo schlecht gar nicht geht (6 bis 8). Doch der eigentliche Effekt liegt in der Vergleichbarkeit – oder besser: Nichtvergleichbarkeit! Da hat man z.B. einen Tag, der beginnt verhalten bei 5,3 und entwickelt sich gut – weil einem Angenehmes widerfährt -, die Zahlen steigen: 5,5 – 5,7 – 6,1 – 6,6 – 7,0 – 8,0 – und man fühlt sich recht wohl.

Ein paar Tage später beginnt ein Tag als guter Tag, und dann kommt eine ekstatische Sensation – und der gibt man eine 8,0. Weil die 9 und 10 ja sozusagen »reserviert« sind für die ganz seltenen Momente des absoluten Glücks. Und diese 8 soll dann das gleiche sein wie jene 8? – Nein!

Daß unser Gehirn viel mit Vergleichen arbeitet, ist bekannt – theoretisch! Praktisch beschäftigen sich die Menschen viel zu wenig mit den Grundlagen dieser Vergleiche: erstens den Maßstäben (Kriterien, Werten …) und zweitens den Vergleichstechniken (quantitativ/qualitativ, ähnlich/verschieden, Gemeinsamkeit/Unterschied). Durch das Spiel mit den Skalen wird sehr schnell offenbar, wie schwer es ist, emotionale Zustände »einfach so« zu vergleichen (vor allem über längere Zeiträume). Diese Erkenntnis verändert viel, vor allem bei Leuten, die Sätze sagen wie »Früher war ich glücklicher”, »In letzter Zeit fehlt mir der Schwung im Leben« oder »Meine neue Arbeit macht mir nicht halb so viel Spaß wie die alte”. Glauben Sie wirklich, daß Sie das, was Sie heute »6« nennen, auch vor drei Jahren »6« genannt hätten? Könnte es sein, daß Ihre heutige »7« dem entspricht, was Sie vor ein paar Jahren mindestens als »15« bezeichnet hätten …?

In unserer alltäglichen Sprache – vor allem in der »Dauerhypnose« des inneren Dialogs – verwenden wir ständig Worte, die Meßbarkeit und Vergleichbarkeit suggerieren. Wir arbeiten mit Worten, die Maßstäbe voraussetzen (gut, schön, schnell, effektiv … verglichen mit/gemessen an??) und sind großzügig mit Superlativen (optimal, maximal, extrem, am besten …). Bei anderen Begriffen gehen wir sehr freihändig mit Qualität/Quantität um: Gesund/ungesund (bzw. gesund/nicht gesund) klingt irgendwie wie ein Ein-Aus-Schalter, wie eine klare Ja/Nein-Entscheidung. (Also wie etwas, was man klar mit »Ja/Nein« entscheiden kann. Glauben Sie? Fragen Sie mal einen guten Arzt!) Gleichzeitig sprechen wir von »mehr oder weniger gesund”, was nach einer Skala klingt. Alles kein Problem – solange es gut geht.

Wenn’s dann aber nicht mehr gut geht und man Probleme oder Schwierigkeiten hat, dann erschwert dieser Umgang mit der »Vortäuschung der Meßbarkeit« den Weg zur Lösung. Hier helfen Skalen. Sie machen bewußt, daß man nur dann etwas vernünftig messen kann, wenn man einen klar definierten Maßstab hat. Mit einem unerreichbaren oder illusorischen Maßstab werde ich immer zu frustrierenden Ergebnissen kommen. Mit einem Maßstab, der sich täglich ändert, werde ich niemals vergleichbare Werte messen – bzw. zu Vergleichen kommen, die seltsame Sachen mit mir machen.

Stellen Sie sich einfach vor, Sie machen eine Reise in unbekanntem Terrain, mit Karte bzw. Navigationssystem, und die Maßstäbe der Karte, der Maßstab in Ihrer Hand und die Maße in der Realität verändern sich ständig so, daß es irgendwie vergleichbar/zuverlässig aussieht, aber irgendwie auch nicht … Hätten Sie Lust auf diese Reise? Glauben Sie, Sie kämen gut zum Ziel? Würden Sie sich schwungvoll und zuversichtlich fortbewegen? Und wie wäre es, wenn diese Reise Ihr Leben wäre …?

Ich sagte doch, daß es sich lohnt, sich der Maßstäbe bewußt zu werden und zu lernen, sie bewußt einzusetzen!

Eines der wichtigsten Werkzeuge für die persönliche Veränderung/persönliche Entwicklung (“Ressourcen aufbauen – Ziele formulieren/realisieren – Probleme lösen”) ist die Differenzierung: Unterschiede machen! Differenzierung braucht geduldiges Training. Wenn man beispielsweise dreimal die gleiche Bewegung mit dem Arm macht, wird diese jedes Mal »irgendwie ein bißchen anders« sein. So weit ist es leicht benennbar. Doch wie schwer ist es, dieses »irgendwie ein bißchen« in klare Worte zu fassen! Warum und wie genau klingt die eine Zielformulierung »irgendwie ein bißchen« besser(?) oder motivierender als die andere? Wenn man in diesem Prozeß Skalen verwendet, fällt es wesentlich leichter, zu differenzieren (zuerst in der metaphorischen Welt der Zahlen, dann in klaren Worten) und sich dadurch seiner Maßstäbe bewußt zu werden.

Was wir von der »Welt« (11 km – Diese Metapher ist von Vera F. Birkenbihl (Das neue Stroh im Kopf; S. 76): Wir nehmen bewußt 15 bit/s aus unbewußten 11.000.000 bit/s wahr. Vera F. Birkenbihl hat die Zahlen – zur Veranschaulichung – in Entfernungen übertragen. Die Zahlen stammen aus Tor Nørretranders »Spüre die Welt« – ein exzellentes Buch!) bewußt wahrnehmen (15 mm), entscheiden wir unter anderem durch Vergleiche (verglichen mit? gemessen an?). Für die (emotionale) Bewertung und Bedeutung dieser Wahrnehmung sind Vergleiche dann noch entscheidender: Zuerst nehmen wir wahr, dann entscheiden wir, wie wir das Wahrgenommene finden. Das Ergebnis ist unsere subjektive Realität: Meine kleine Welt! Vollständig und widerspruchsfrei, in sich stimmig und absolut richtig! Jede Veränderung, die ich jetzt noch darin bewirken will, geschieht innerhalb dieser Welt und nur mit den darin vorhandenen (emotional eingefärbten) Informationen, also auf der Grundlage der unbewußten Maßstäbe/Kriterien und der Art, wie ich mit ihnen umgehe (der Art des Messens, qualitativ/quantitativ, Gemeinsamkeit/Unterschied). Denn diese Maßstäbe sind ja zweifelsfrei hundertprozentig absolut objektiv wahr.

Nehmen Sie sich die Freiheit, sich Ihre Maßstäbe und die Art, wie Sie mit ihnen umgehen, bewußt zu machen. Prüfen Sie gewissenhaft! Behalten Sie, was Ihnen nützt und gefällt. Ändern Sie, was veraltet ist oder nicht funktioniert.

Beim »P« in NLP erkläre ich gerne, daß man Programme laufen lassen kann und daß man sie ändern kann – aber nicht gleichzeitig! Man kann sie nicht ändern, während sie laufen. Stoppen Sie das Programm, ändern Sie es, und lassen Sie es wieder laufen und für Sie eine veränderte Welt »errechnen”: vollständig und widerspruchsfrei, in sich stimmig und absolut richtig. Jetzt allerdings angenehmer, freier, flexibler und mit deutlich mehr Wahlmöglichkeiten. Jetzt können Sie sich auf Ihrer Reise auf die Karten und das Navigationssystem(!) verlassen und Ihre Fortschritte in der Realität messen und benennen. Dadurch wird die Reise gleichzeitig zügiger und entspannter. Und wahrscheinlich haben Sie dann auch Lust, Ihre Maßstäbe wirklich auszureizen …

So frage ich Seminarteilnehmer, die erfahren sind im Umgang mit den Skalen, wie denn das Seminar sein sollte, damit sie ihm eine 10 gäben. Da lachen doch glatt einige, und in ihrem Gesicht steht: »undenkbar”. Warum besuchen solche Leute überhaupt ein Seminar, wenn sie von vornherein bestenfalls von mittelmäßigen Ergebnissen ausgehen? Wie schwer ist es, solche Teilnehmer zu packen, zu verblüffen und zu begeistern? Wie arm ist ein Leben mit so armen Erwartungen …

Es lohnt sich doppelt, die 10 zu definieren!

Normalerweise laufen wir durch die Welt, und erwarten von vornherein nichts Gutes, oder zumindest maximal Mittelmäßiges. Schade! Angenommen, Sie hätten gleich ein wichtiges Gespräch: Wie müßte es ablaufen, damit Sie dem hinterher ganz klar eine 10 geben könnten? Oder eine 12,5? Haben Sie den Mut, eine 10 zu erwarten? Trauen Sie sich das zu? Sind Sie dazu in der Lage? Haben Sie es verdient?

Angenommen, Sie hätten gleich ein Coaching. Wie müßte es ablaufen, damit Sie ihm hinterher ganz klar eine 10 geben könnten? (Beantworten Sie die Frage ruhig aus beiden Positionen, Coach und Coachee.) Wie fühlen Sie sich als Coach, wenn Sie merken, daß Ihr Coachee Ihnen maximal eine 4,3 zutraut …?

Benennen Sie Ihren Coaching-Gott – Tony Robbins, Richard Bandler oder wer auch immer Ihnen einfällt (Hauptsache, Sie haben die Person nie wirklich im Coaching erlebt …). Benennen Sie eine Person, von der Sie sicher eine 10 erwarten würden! Definieren Sie dann genau(!), was Sie erwarten. Wenn Sie in der Lage sind, Ihre Erwartungen (“10!”) klar zu kommunizieren (sich selbst und anderen!), steigen Ihre Chancen, daß diese Erwartungen erfüllt werden. Erwarten Sie das Höchste, erwarten Sie die 10 …!

Mit den Teilnehmern in der Ausbildung spiele ich das ››Coaching-Gott‹‹-Spiel (Dieses Spiel basiert auf einem Theatersport-Spiel von Keith Johnstone.) Die beiden gleich-berechtigten Spieler sitzen dabei wie in einer Coaching-Situation oder wie in einer Seminar-Demo. Dann bekommen sie die Aufgabe, miteinander(!) das Coaching oder die Demo so exemplarisch zu spielen, daß es eine absolute 10 bekommt. Beide Spieler sollen sich gegenseitig darin unterstützen. Der Coachee oder Klient ist also ebenfalls gleichwertig und aktiv beteiligt. Die Spieler sind aufgefordert, sich wechselseitig alle Erwartungen voll zu erfüllen und sich alles gelingen zu lassen. Gespielt soll so eine Situation entstehen, die alle Erwartungen erfüllt, 100%ig geeignet als Lehr- oder Werbevideo, vorbildlich, traumhaft. Eine Güteklasse, wie sie auch Tony Robbins, Richard Bandler (oder wer immer Ihnen einfällt) nur selten erreichen …

Sie ahnen, was bei diesem Spiel passiert: Spieler und Zuschauer sind sich sicher, daß Sie die 10 ganz klar erkennen würden, wenn sie sie sähen. Aber sie sehen sie nicht: Das, was passiert, ist vielleicht eine 6,5 … – Okay, dann macht es noch einmal, jetzt 8,3! – Und jetzt 10? – Was ist die 10 …? Ein Coach, der nicht weiß, was »wirklich gute Arbeit« ist, wird sie nie leisten. Ein Coachee, der nicht weiß, was »wirklich gute Arbeit« ist, wird sie nie erleben.

Das »Coaching-Gott”-Spiel braucht Zeit, aber sie lohnt sich! Von Mal zu Mal werden sich Spieler und Zuschauer ihrer Maßstäbe bewußter und können bald ihre Kriterien und ihre Evidenz für exzellentes Coaching formulieren. Selbstverständlich funktioniert das Spiel auch in anderen Kontexten, wie z.B. Verkauf, Unterricht, Flirt …

Haben Sie den Mut, das Höchste zu erwarten! Haben Sie den Mut, sich dieser Erwartungen ganz klar bewußt zu werden. Es stimmt: Sobald Sie Ihre »10« klar formulieren, können Sie sie klar verfehlen – ohne Wenn und Aber! Doch andererseits: Solange Sie Ihre 10 nicht klar benennen, können Sie sie auch nie erreichen … – Und das wäre doch sehr schade!

Wie geht es Ihnen jetzt? Verglichen mit Ihrem Wert vom Anfang des Artikels …? Und: WAS IST ZEHN?

Viel Spaß dabei – berichten Sie von Ihren Erfolgen!


Anmerkung:

Die Idee zur Arbeit mit Skalen bekam ich vor einigen Jahren, als ich die folgende Textstelle las:

“Testen wir einmal, wie Sie Ihr Glück im Moment einschätzen. Markieren Sie zunächst die Stelle in der untenstehenden Zahlenreihe, die Ihrer Meinung nach Ihrem gegenwärtigen Glück entspricht. 9 ist dabei das höchste Glück, 1 das größte Unglück.

überhaupt nicht glücklich – 1 – 2 – 3 – 4 – 5 –

6 – 7 – 8 – 9 – sehr glücklich

Wo, glauben Sie, stufen sich die meisten Leute unserer Gesellschaft ein? Der Durchschnitt liegt bei etwa 6,5.

Schauen wir jetzt, wie bestimmte Ereignisse, positiv oder negativ, Ihr inneres Gleichgewicht beeinflussen. Stellen Sie sich zuerst die schönsten und die schlimmsten Dinge vor, die Ihnen zustoßen können, sagen wir, den höchsten Treffer im Lotto oder eine Querschnittslähmung.

Nehmen Sie nun an. Sie würden beim Lotto gewinnen und ein steuerfreier Betrag von zehn Millionen Mark würde Ihnen ins Haus flattern. Wie glücklich, glauben Sie, wären Sie ein Jahr danach? Kreuzen Sie auf der Skala von 1-9 wieder die Zahl an, die dieser Empfindung entspricht.

Stellen Sie sich weiter vor, das Schlimmste wäre passiert: Sie hätten einen schweren Unfall gehabt, wären gerade noch mit dem Leben davongekommen, aber querschnittsgelähmt und könnten nicht mehr gehen. Wie glücklich, glauben Sie, fühlen Sie sich ein Jahr danach? Wählen Sie eine Ziffer zwischen 1 und 9. Wenn Sie ähnlich empfinden wie die meisten, haben Sie wahrscheinlich angenommen, daß Sie nach dem Gewinn im Lotto ganz rechts außen in der Skala bei Ziffer 9 und nach der Querschnittslähmung am äußersten linken Rand, mehr oder weniger bei Null, landen.

Aber die Wirklichkeit sieht ganz anders aus. Es stimmt zwar: Wenn man Lottogewinner direkt nach dem Gewinn des großen Loses befragte, waren sie viel glücklicher als zuvor. Aber ein Jahr danach fiel ihre Zufriedenheitskurve steil ab, fast bis dahin, wo sie sich vor dem Spiel befand, also leicht über 6,5 auf 6,8. Und als man Querschnittsgelähmte interviewte, stellte sich heraus, daß sich ihre Einschätzung nach einem Jahr nur um etwa einen halben Punkt geändert hatte: Sie war von 6,5 auf 6 gefallen.”

(Robert Ornstein und David Sobel: Gesund durch Lebensfreude. Seite 191f. Eines meiner liebsten Bücher zum Thema Gesundheit!)